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Abstract

Hintergrund und Ziele

Die psychoonkologische Versorgung von Menschen mit onkologischen Erkrankungen während ihrer Behandlung in einem zertifizierten onkologischen Zentrum hat sich inzwischen etabliert. Die Strukturen dieser Versorgung innerhalb Deutschlands sind vielfältig. Einen gewissen Rahmen geben Zertifizierungsrichtlinien. Diese beinhalten allgemeine Angaben bzgl. behandlungsbedürftiger Patient*innen sowie eine Beschreibung zahlreicher therapeutischer Interventionen, die in der psychoonkologischen Versorgung eingesetzt werden können. Konkrete interventionelle Inhalte, die Basis einer psychoonkologischen Behandlung sind, wurden jedoch noch nicht definiert. Ziel der Studien im Rahmen der vorgelegten Dissertation war zum einen die quantitative Auswertung der aktuellen psychoonkologischen Versorgung innerhalb eines zertifizierten Onkologischen Zentrums (ONZ) und Comprehensive Cancer Centers (CCC), zum anderen die Entwicklung einer Behandlungstaxonomie. Spezifische Kenntnisse darüber wie hoch der Versorgungsbedarf bestimmter Patient*innengruppen ist und von welchen therapeutischen Interventionen diese besonders profitieren, können die Basis für eine personalisierte und patient*innenzentrierte psychoonkologische Versorgung bilden.

Methoden

In einer Querschnittstudie wurde die Gesamtheit der psychoonkologischen Versorgung, die innerhalb eines Jahres für erwachsene Krebspatient*innen im Universitätsklinikum Erlangen erbracht wurde, analysiert. Hierzu wurde in einem ersten Schritt die Dokumentationsmaske des Psychoonkologischen Dienstes (POD) grundlegend überarbeitet und eine Verfahrensanweisung für das einheitliche Ausfüllen der Maske erstellt. Für die Analyse wurde die Versorgungsleistung von zwölf Monaten herangezogen und dabei Angaben wie Anzahl der Sitzungen, Gesprächsdauer, Geschlecht, Alter, Familienstand, Kinder (ja/nein), vorbestehende psychische Erkrankungen, vorausgehende Psychotherapie, Krebsentität sowie die aktuelle Behandlungsform (Operation, medikamentöse Therapie, Bestrahlung etc.) berücksichtigt. Diese Daten wurden mithilfe von Regressionsanalysen ausgewertet, um den Einfluss der genannten Faktoren auf die Häufigkeit und die Dauer von psychoonkologischen Gesprächen zu untersuchen. In einer weiteren Studie wurde ein Konzept erstellt um zu ermitteln, welche therapeutischen Interventionen in der klinischen Versorgungspraxis eingesetzt werden und wie diese sich in einer Taxonomie gruppieren lassen. In einem schrittweisen Vorgehen erarbeitete ein Team von Psychoonkolog*innen einen Datenpool mit den angewandten psychotherapeutischen Interventionen. Diese Interventionen wurden in Konsensgesprächen ausführlich erläutert und definiert. Im Anschluss konnte die Nomenklatur in einer Pilotphase im klinischen Versorgungsalltag getestet werden. Nach einer weiteren Überarbeitung der Interventionen wurde die Interrater-Reliabilität der Interventionen durch Expert*innen aus Forschung und klinischer Versorgung anhand von aufgezeichneten psychoonkologischen Sitzungen (Audiodateien) durchgeführt. Unterstützt durch eine Clusteranalyse ließen sich die Interventionen in übergeordnete Kategorien zusammenfassen.

Ergebnisse

In die Auswertung wurden insgesamt N = 1601 Patient*innen einbezogen, mit denen insgesamt 4235 Kontakte stattfanden. Regressionsanalysen zeigten, dass Frauen, jüngere Patient*innen, Erkrankte mit längerem stationären Aufenthalt sowie Behandelte mit vordiagnostizierten psychischen Erkrankungen signifikant mehr therapeutische Gespräche mit Mitarbeiter*innen des POD führten als andere Patient*innen. Behandelte Personen mit Hautkrebs nahmen signifikant weniger therapeutische Sitzungen in Anspruch als Patient*innen, mit einer hämatoonkologischen Erkrankung. Weiter zeigte sich, dass Patient*innen, die sich in einer medikamentösen Behandlung befanden (Chemotherapie, Immuntherapie, o. Ä.), mehr psychoonkologische Gespräche führten als Erkrankte, die sich einer Operation unterziehen mussten. In einem weiteren Regressionsmodell zeigte sich, dass jüngeres Alter und ein kürzerer stationärer Aufenthalt eine signifikant längere Gesprächsdauer voraussagten. Weiter ergab sich, dass Patient*innen mit Hirntumoren und Lungenkrebs signifikant längere Sitzungen hatten als behandelte Personen mit Hautkrebs.

In der zweiten Studie konnten mithilfe eines Delphi-Verfahrens 22 psychotherapeutische Interventionstechniken identifiziert werden. Die ermittelte Interrater-Reliabilität für zwei unabhängige psychoonkologische Rater*innen betrug durchschnittlich 89 %. Die Übereinstimmung der Einschätzung von Psychoonkolog*innen aus der klinischen Versorgung mit der Beurteilung der unabhängigen Rater*innen aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung lag bei 80 %. Mithilfe einer Clusteranalyse wurde die Gruppierung der Interventionen in fünf übergeordnete Kategorien erreicht.

Schlussfolgerungen und Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass Häufigkeit und Dauer von psychoonkologischen Gesprächen von krankheits- und behandlungsbezogenen Kriterien abhängen, z. B. der Dauer des stationären Aufenthalts. Die Identifizierung spezifischer Patient*innengruppen, die eine höhere Anzahl an Kontakten und eine längere Gesprächsdauer in den psychoonkologischen Sitzungen benötigen, kann künftig eine Grundlage für die Planung von psychoonkologischen Gesprächen entsprechend den Bedürfnissen der Erkrankten bilden.

Die strukturierte Taxonomie psychoonkologischer Interventionstechniken liefert eine Basis für weitere systematische Forschung und die angewandte klinische Versorgung. In aufbauenden Untersuchungen sollte die Taxonomie evaluiert und auf andere Kontexte und Versorgungssettings ausgeweitet werden.

Abstract (AI English translation)

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Background and goals

Psycho-oncological care for people with oncological diseases during their treatment in a certified oncological center has now become established. The structures of this care within Germany are diverse. Certification guidelines provide a certain framework. These contain general information regarding patients in need of treatment as well as a description of numerous therapeutic interventions that can be used in psycho-oncological care. However, concrete interventional content that forms the basis of psycho-oncological treatment has not yet been defined. The aim of the studies as part of the dissertation presented was, on the one hand, the quantitative evaluation of current psycho-oncological care within a certified oncology center (ONZ) and Comprehensive Cancer Center (CCC), and on the other hand the development of a treatment taxonomy. Specific knowledge about how high the care needs of certain patient groups are and which therapeutic interventions they particularly benefit from can form the basis for personalized and patient-centered psycho-oncological care.

Methods

In a cross-sectional study, the entire psycho-oncological care provided to adult cancer patients at the Erlangen University Hospital within one year was analyzed. For this purpose, in a first step, the documentation form of the psycho-oncology service (POD) was fundamentally revised and procedural instructions for the uniform filling out of the form were created. Twelve months of care was used for the analysis, including information such as number of sessions, length of conversation, gender, age, marital status, children (yes/no), pre-existing mental illnesses, previous psychotherapy, cancer entity and the current form of treatment (surgery, drug therapy). , radiation, etc.) taken into account. These data were evaluated using regression analyzes to examine the influence of the factors mentioned on the frequency and duration of psycho-oncological discussions. In another study, a concept was created to determine which therapeutic interventions are used in clinical care practice and how they can be grouped into a taxonomy. In a step-by-step approach, a team of psycho-oncologists developed a data pool with the psychotherapeutic interventions used. These interventions were explained and defined in detail in consensus discussions. The nomenclature could then be tested in a pilot phase in everyday clinical care. After further revision of the interventions, the interrater reliability of the interventions was carried out by experts from research and clinical care using recorded psycho-oncology sessions (audio files). Supported by a cluster analysis, the interventions could be summarized into higher-level categories.

Results

A total of N = 1601 patients were included in the evaluation, with whom a total of 4235 contacts took place. Regression analyzes showed that women, younger patients, patients with longer inpatient stays and those treated with previously diagnosed mental illnesses had significantly more therapeutic conversations with POD staff than other patients. Treated people with skin cancer took up significantly fewer therapeutic sessions than patients with hemato-oncological disease. It was also shown that patients who were undergoing drug treatment (chemotherapy, immunotherapy, etc.) had more psycho-oncological discussions than those who had to undergo surgery. A further regression model showed that younger age and a shorter inpatient stay predicted a significantly longer conversation duration. It also emerged that patients with brain tumors and lung cancer had significantly longer sessions than those treated with skin cancer.

In the second study, 22 psychotherapeutic intervention techniques were identified using a Delphi method. The interrater reliability determined for two independent psycho-oncological raters averaged 89%. The agreement between the assessment of psycho-oncologists from clinical care and the assessment of the independent raters from the group of scientific staff in the psychosomatic and psychotherapeutic department was 80%. Using cluster analysis, the interventions were grouped into five overarching categories.

Conclusions and discussion

The results show that the frequency and duration of psycho-oncological discussions depend on disease and treatment-related criteria, e.g. B. the duration of the inpatient stay. The identification of specific patient groups who require a higher number of contacts and a longer duration of discussions in the psycho-oncological sessions can in the future form a basis for planning psycho-oncological discussions according to the needs of the sick.

The structured taxonomy of psycho-oncological intervention techniques provides a basis for further systematic research and applied clinical care. The taxonomy should be evaluated in subsequent studies and expanded to other contexts and care settings.

Details

Title
Weiterentwicklung Psychoonkologischer Versorgung an Einem Universitätsklinikum
Author
Madl, Martina
Publication year
2023
Publisher
ProQuest Dissertations & Theses
ISBN
9798383065556
Source type
Dissertation or Thesis
Language of publication
German
ProQuest document ID
3073252739
Copyright
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