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Abstract
Die Bedeutung sozialer Ungleichheiten für die Gesundheit ist inzwischen vielfach belegt. Aus empirischen Forschungsarbeiten geht hervor, dass neben dem Krankheits- und Sterbegeschehen (Sommer et al., 2015; Murtin et al., 2022) auch die zentralen Gesundheitsverhaltensweisen, darunter die körperliche Aktivität, sozial ungleich verteilt sind. Verschiedene vertikale und horizontale Indikatoren sozialer Ungleichheit gehen demnach mit einem besonders hohen Risiko für körperliche Inaktivität einher (Gidlow et al., 2006; Hoebel et al., 2016; Varo et al., 2003), was sich insbesondere in der Freizeitdomäne und im Sport zeigt (Beenackers et al., 2012). Die sozialen Unterschiede im Bewegungsverhalten untermauern einen hohen Bedarf an adäquaten Strategien zur Bewegungsförderung für Personen mit einem niedrigen Sozialstatus, darunter jenen mit einem niedrigen Einkommen, Bildungsstand und Berufsstatus (Guthold et al., 2018). Denn obwohl sozial bedingte Unterschiede im freizeitbezogenen Bewegungsverhalten bereits vielfach untersucht wurden, gelingt es bisher noch nicht, dieser Herausforderung wirkungsvoll zu begegnen.
In der vorliegenden kumulativen Dissertation werden daher im Rahmen von drei Artikeln unterschiedliche Herausforderungen im Forschungsfeld der Bewegungsförderung im Kontext sozialer Ungleichheit adressiert. Die thematischen Schwerpunkte der Arbeiten lassen sich dabei entlang der vier Phasen des Public Health Action Cycles (PHAC) strukturieren.
Im ersten Artikel dieser Arbeit (Phase: Problembestimmung) erfolgt eine Sekundäranalyse bevölkerungsbasierter Daten aus Deutschland. Darin wird die Bedeutung verschiedener Indikatoren sozialer Ungleichheit für die körperliche Inaktivität in der Freizeit bei Personen mit Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas sowie Personen mit Diabetes regressionsanalytisch untersucht, mit dem Ziel, Bedarfe für Maßnahmen zur Bewegungsförderung zu identifizieren und zu spezifizieren. Der zweite Artikel (Phasen: Strategieentwicklung/Umsetzung) ist als systematisches RE-AIM-Review konzipiert. Darin wird untersucht, inwieweit Pre-Post-Interventionsstudien zur Bewegungsförderung für sozioökonomisch Benachteiligte interne und externe Validitätsfaktoren berichten und damit den Transfer der entsprechenden Intervention in die Praxis berücksichtigen. Im dritten Artikel (Phase: Bewertung) werden Fragebogendaten von Teilnehmerinnen eines in der Praxis etablierten, partizipativen Bewegungsprojekts für sozial benachteiligte Frauen re-analyisert. Dadurch werden Erkenntnisse zur Zielgruppenerreichung, zur Bindung an das Projekt sowie zu dessen gesundheitsförderlichem Potential gesammelt.
Die vorliegende Arbeit erweitert den bisherigen Forschungsstand um exemplarische Daten und Erkenntnisse zur Bewegungsförderung im Kontext sozialer Ungleichheit - von der Bedarfsbestimmung und Planung bis hin zur Umsetzung und Bewertung von Ansätzen zur Steigerung der körperlichen Aktivität in der Praxis. Dabei untermauern die Ergebnisse dieser Dissertation die Bedeutung sozialer Ungleichheiten für das Bewegungsverhalten in der Freizeit. Indikatoren sozialer Ungleichheit scheinen auch bei Personen mit vorliegenden Erkrankungen, wie Adipositas und Diabetes, zum Tragen zu kommen, was die Notwendigkeit unterstreicht, die individuelle soziale Lage für bewegungsförderliche Angebote, auch im Gesundheitswesen, stets zu berücksichtigen. Die Ergebnisse weisen zudem darauf hin, dass der Fokus bisheriger Interventionsstudien primär auf der internen Validität liegt, während deren Umsetzung in die Praxis scheinbar nur unzureichend berücksichtigt wird. Gleichzeitig zeigt diese Arbeit, dass im Praxiskontext etablierte Ansätze zur Bewegungsförderung das Potential haben, sozial Benachteiligte zu erreichen und längerfristig an Bewegung zu binden. Zugleich können damit auch positive gesundheits- und bewegungsbezogene Effekte erzielt werden. Diese Dissertation unterstreicht damit, dass langfristig und erfolgreich auf die gesundheitliche Chancengerechtigkeit nur dann eingewirkt werden kann, wenn es gelingt, wissenschaftlich getestete Ansätze in die Praxis zu etablieren.





