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Abstract
Zu Beginn des 20. Jahrhundert bildete der aus zahlreichen Grenzgebieten bestehende und zwischen der Habsburgermonarchie, Serbien und Montenegro befindliche Sandžak die nördlichsten Teile der osmanischen Provinz Kosovo. Dessen multikonfessionelle und mehrsprachige Einwohner waren bis zu frühen 1920er Jahren den Regierungspraktiken von fünf Staaten unterworfen: dem Osmanischen Reich, Montenegro, Serbien, der Habsburgermonarchie und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Es gelang jedem dieser Staaten, die Einheimische für ihre eigenen militärischen Zwecke zu mobilisieren, vor allem im Rahmen der Balkankriege 1912/13 und des Ersten Weltkriegs. Bislang hat sich die Geschichtsschreibung entweder auf eine imaginäre Gemeinschaft oder auf Regierungsstrukturen konzentriert. Damit tappte sie oftmals in die Falle des methodischen und/oder regionalen Nationalismus sowie der Opfererzählung. Die vorliegende Dissertation bietet einen umfassenderen und differenzierteren Ansatz, indem sie eine lokale Perspektive einnimmt und bei den Mobilmachungsbemühungen des Staates nach dem „Großen im Kleinen“ sucht. Die Studie, die an der Schnittstelle zwischen neuer Militär-, Sozial- und Kulturgeschichte sowie der Sozialgeschichte der Religion angesiedelt ist, zeigt, dass die militärischen Mobilisierungen ein Feld konstruierten, das er ermöglicht, verschiedene Staatsziele zu analysieren, einschließlich der Figurationen zwischen der herrschenden Eliten und den Einheimischen. Durch die Synthese von Quellen unterschiedlicher Herkunft, Art und Sprache konzentriert sich die Erzählung sowohl auf staatliche Pläne, die die Mobilmachungen zu verschleiern versuchten, als auch auf die Lebenswelten der Einheimischen. Hierzu werden verschiedene Ebenen des Regimewechsels, die Vorstellungen von Loyalität, Sicherheit und Ungewissheit im Wandel untersucht. Die Dissertation befasst sich mit Praktiken der Abgrenzung und Verdinglichung auferlegter Kategorien, mit Strategien der herrschenden Eliten, mit Widerstandstaktiken der Einheimischen, mit der Position von Frauen und Kindern in diesem Kontext. Letztere werden in verschiedenen Maßstäben analysiert. Die militärischen Mobilmachungen des Staates zielen darauf ab, den Übergang von Grenzgebieten als Ort, an dem gesellschaftliche Gefüge verschwommen sind, zu angrenzendem Land, wo feste ethnonationale Hierarchien und die Verwaltung von Ressourcen – in staatlicher Hand etablieret sind, zu erleichtern. Bei genauer Betrachtung der Mobilmachungsbemühungen zeigt die Dissertation, dass dies kein eindimensionaler Prozess war, da verschiedene einheimische Akteure diese staatliche Regelung unterlaufen und behindern konnten.





