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Abstract
Die Untersuchung betrachtet das Verhältnis der Schriften 4., 5. und 6. Esra zueinander.
Während die Apokalypse 4. Esra als Referenztext für neutestamentliche Schriften Gegenstand
zahlreicher Untersuchungen ist, wurden 5. und 6. Esra bisher lediglich als christliche
Hinzufügungen abgetan und nicht in einer bedeutungsvollen Beziehung zu 4. Esra verstanden.
Auf Grund der syrischen Tradition, die 4. Esra als geschlossene Schrift überliefert, wird
oftmals übersehen, dass in den lateinischen Traditionen 4. Esra ausschließlich im
Zusammenhang zu 5. und 6. Esra bezeugt ist.
Die Arbeit greift methodische Ansätze aus der alttestamentlichen und Apokryphenforschung
auf, um das Verhältnis der drei Schriften zueinander zu beschreiben. Handelt es sich um eine
willkürliche Zusammenordnung der Schriften oder lassen sich Ordnungsprinzipen und
durchgängige Konzepte erkennen, die eine Lesart als zusammenhängende und aufeinander
bezogene Gesamtschrift 2. Esdras nahe legen?
Die Arbeit geht dabei auf verschiedenen Ebenen vor: Zunächst werden die mittelalterlichen
Manuskripte, die die früheste vollständige Bezeugung der Schriften darstellen, analysiert und
ausgewertet. Wesentlich ist hierbei, dass die Schriften zwar immer im Zusammenhang
zueinander überliefert wurden, jedoch in sehr unterschiedlichen Anordnungen in den
jeweiligen Manuskripten enthalten sind. Auf synchroner Ebene werden zentrale Konzepte der
einzelnen Schriften exegetisch herausgearbeitet und zueinander in Bezug gesetzt. Schließlich
werden narratologisch und daramaturgisch die Erzählbögen der Einzelschriften analysiert und
ausgewertet, ob und wie ein Gesamthandlungsbogen von 2. Esdras erkennbar ist.
Gerade an der literarischen Figur des Esra zeigt sich, wie die unterschiedlichen Anordnungen
jeweils andere Aspekte der Figur in den Vordergrund rücken. Die literarische Gestalt des Esra
selbst wird zur Projektionsfläche für die Intentionen der späteren Tradentenkreise. Daher stellt
die jeweilige Anordnung der Schriften einen bewussten und sinnhaften Ausdruck der
theologischen Konzeptionen der Tradentenkreise dar.





