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Abstract
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die starke Hinwendung zum Monolog, die sich im europäischen Theater und Theaterschreiben seit den 1960er Jahren konstatieren lässt, zu thematisieren, theaterhistorisch einzuordnen und ästhetisch zu verorten. Den Gegenstand der Arbeit stellen nicht-dramatische bzw. postdramatische Theatertexte und -aufführungen dar, die sich zeitlich von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart erstrecken und in denen die monologische Form als Organisationsprinzip zugrunde gelegt wird. In der vorliegenden Dissertation werden Theatertexte von Thomas Bernhard, Philippe Minyana, Samuel Beckett, Dea Loher, Dimitris Dimitriadis, Sarah Kane, Rainald Goetz, Forced Entertainment, Falk Richter, Elfriede Jelinek und René Pollesch und Inszenierungen von Andreas Kriegenburg, Thomas Ostermeier, Falk Richter, Jossi Wieler, Rimini Protokoll und René Pollesch besprochen und analysiert. Dabei dient der von Bachtins dialogischer Theorie übernommene aber neu konzeptualisierte Begriff der Monologizität als theoretische Kategorie, um die unterschiedlichen monologischen Theater- und Theatertextformen auf eine gemeinsame konzeptuelle Basis hin zu untersuchen und ihre wichtigsten gemeinsamen Form- und Strukturelemente herausarbeiten.
Die Ergebnisse der Untersuchung können in vier kapitelübergreifende Thesen zusammengenfasst werden:
1) Monologizität bedeutet eine Abwendung nicht nur vom Dialog, sondern auch vom traditionellen Monolog. Dies hängt einerseits mit der bewusst nicht-dramatischen, nicht-repräsentationalen Ästhetik der neuen monologischen Theatertexte und Bühnenarbeiten zusammen, die sich von der dramatischen Tradition des Monologs deutlich abgrenzt. Andererseits drückt sich die Distanz zwischen Monologizität und traditionellem Monolog in dem veränderten Verhältnis von Sprechen und Sprecher/-in aus.
2) Monologizität ist ein gattungsübergreifendes Phänomen. Die monologische Form und Struktur stellt das Verbindungselement zwischen Theatertexten und Bühnenarbeiten dar, die sich allesamt von dem dramatisch-dialogischen Modell emanzipieren. Ästhetisch entfaltet sich Monologizität im Spannungsfeld zwischen Literarisierung und Performativierung, lässt sich also von der Annäherung an die Literatur einerseits und an die Performance-Kunst andererseits beeinflussen und mitbestimmen.
3) Monologizität ist ein plurales Phänomen. Monologizität ist durch Polyphonie und Heterogenität gekennzeichnet. Dies hängt mit der Unmöglichkeit einer einheitlichen Rede und eines einheitlichen Redesubjekts zusammen. Der plurale,polyphone Charakter der Monologizität drückt sich erstens im Sprechen, zweitens in dem/der Sprechenden und drittens in der Komposition des Werkes (Text oder Aufführung) aus.
4) Monologizität ist ein intersubjektives, kommunikatives Phänomen. Monologizität ist wesentlich durch die Präsenz des/der anderen und durch die Beziehung zur Alterität bestimmt. Die Aufnahme der Alterität führt einerseits zur pluralen, polyphonen, heterogenen Verfasstheit des monologischen Diskurses. Andererseits wird die Wechselbeziehung zwischen Identität und Alterität durch die Adressierung des monologischen Sprechens realisiert. Im Theater bezieht die durch das Durchbrechen der vierten Wand ermöglichte Publikumsadressierung die Zuschauer/- innen in das reale Hier und Jetzt der Aufführung mit ein und fordert sie auf, ihre Rolle als aktive Empfänger/-innen wahrzunehmen und sich an der Aushandlung des Sinns der Aufführung zu beteiligen.





