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Im Januar 2005 waren in Deutschland 5,04 Mill. Menschen offiziell arbeitslos. Das entsprach einer Quote von etwa 12,1%. Fur die hohe Arbeitslosigkeit wird insbesondere die Lohnentwicklung verantwortlich gemacht. Das Ausmaß der Lohnzuruckhaltung ist zu gering, die Differenzierung der Löhne unzureichend und ihre Flexibilität ungenügend. Die beschäftigungsabträgliche Lohnentwicklung wird unter anderem auf das deutsche Lohnverhandlungssystem zurückgeführt. Es stellt sich die Frage, ob über eine weitergehende Dezentralisierung der Lohnverhandlungen ein Anstieg der Beschäftigung in Deutschland erreicht werden kann.
In Anlehnung an Calmfors und Driffill (1988) und Calmfors (1993) werden Lohnverhandlungssysteme danach unterschieden, ob die Lohnverhandlungen auf gesamtwirtschaftlicher, sektoraler Oder Unternehmensebene geführt werden. Der Zentralisierungsgrad reicht aber nicht aus, um Lohnverhandlungssysteme angemessen zu charakterisieren. Es ist zusätzlich zu fragen, ob und wie die Lohnverhandlungen koordiniert werden. Dabei sind horizontale und vertikale Koordinierung zu unterscheiden. Die horizontale Koordinierung bezieht sich darauf, die Reichweite von Lohnverhandlungen durch Einbeziehung von Branchen, Berufen usw. zu erweitern. Neben die Lohnverhandlungen der Dachverbände der beiden Arbeitsmarktparteien können auf zentraler Ebene die Abstimmung der Lohnpolitik unter den Mitgliedsverbänden der Dachverbände und die Beteiligung des Staates an den Lohnverhandlungen treten. Darüber hinaus können die Lohnabschlusse durch Lohnführerschaft, d.h. Orientierung an einem Leitsektor, koordiniert werden. Die vertikale Koordinierung ist darauf gerichtet, die nachgelagerte (z.B. betriebliche) Ebene zur Einhaltung der auf der zentraleren Ebene erzielten Ergebnisse zu veranlassen (Traxler et al. 2001).
Beim deutschen Tarifsystem handelt es sich um eine Lohnführerschaft der Metall-industrie mit Verhandlungen, die zumeist im Tarifbezirk Nordwürttemberg/Nordbaden beginnen. An dem dortigen Flächentarifabschluss orientieren sich die Tarifverhandlungen der anderen Branchen und Regionen. Gesetzliche Bestimmungen sorgen im Zusammenwirken mit der Verbändestruktur dafür, dass die Unternehmensebene in starkem Maße in die sektoraleTarifpolitikeingebunden ist. Gleichwohl werden auch auf der Unternehmensebene Tarifverträge abgeschlossen, so dass von einem gemischten (dualen) Lohnbildungssystem gesprochen werden kann.
In den letzten Jahren hat eine Dezentralisierung der Lohnverhandlungen in Deutschland stattgefunden. Der Flächentarifvertrag hat an Bedeutung verloren, betriebliche Lohnabschlüsse (Firmentarifverträge, Betriebsvereinbarungen sowie individuelle Lohnvereinbarungen) haben an Gewicht gewonnen. Die Dezentralisierung ist auf veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen, wie die Globalisierung, neue Formen der Arbeitsorganisation usw., zurückzuführen. Aber auch der Machtverlust der Gewerkschaften, welche den Flächentarifvertrag präferieren, hat zu dieser Entwicklung beigetragen. AuBerdem wird von Seiten der Wissenschaft angesichts der stufenförmig steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland in zunehmendem Maße eine Dezentralisierung der Lohnverhandlungen gefordert (Sachverständigenrat, ltd. Jg.; Wissenschaftlicher Beirat...





