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Abstract
Hintergrund und Ziele
Seit Menschengedenken stellt gewaltsames Verhalten eine große Herausforderung für das menschliche Zusammenleben dar. Gewalttätigkeit wurde bisher mit verschiedenen interagierenden endogenen und exogenen Faktoren in Zusammenhang gebracht, doch bleibt deren genauer Einfluss auf das gewaltsame Verhalten bisher unklar. Eine genaue Erfassung chronoepidemiologischer Muster gewaltsamen Verhaltens eröffnet die Möglichkeit, Vergleiche mit zeitlichen Variationen potentieller Einflussfaktoren anzustellen. Ziel dieser Arbeit war es deshalb, die Existenz und Beschaffenheit einer zirkadianen Rhythmik von Gewaltdelikten zu prüfen, und den Einfluss verschiedener Faktoren zu erfassen.
Methoden
Daten zu 23.142 Gewaltdelikten, welche zwischen dem ersten Januar 1999 und dem 31. Dezember 2005 von der Polizeiabteilung Mittelfranken erfasst worden waren, wurden der Datenbank EVioS (Erlangener Violence Studies) entnommen und nach bestimmten Kriterien kategorisiert. Um den Datensatz homogener zu gestalten, wurde bei der Auswertung auf die Tatbestände "vorsätzliche Körperverletzung“, "gefährliche Körperverletzung“ und "schwere Körperverletzung“ fokussiert.
Für die Häufigkeitsverteilungen der Wochentage wurde die diskrete Fourier-Transformation durchgeführt. Die Entscheidung, ab welcher relativen Größe der errechneten Amplituden eine Schwingung in eine die Daten abbildende Funktion eingehen sollte, wurde mit Hilfe des Akaike Informationskriteriums getroffen.
Ergebnisse und Beobachtungen
Die Stratifikation auf Wochentagsebene ergab, dass Gewaltdeliktraten der Tage Montag bis Donnerstag einen deutlich niedrigeren Mittelwert aufwiesen als die Tage Samstag und Sonntag. Dabei war das Durchschnittsalter der Täter vom Wochentag abhängig (p < 0,001), wobei männliche Gewalttäter am Wochenende vergleichsweise jünger waren als unter der Woche.
Die Verteilung der Gewaltdeliktrate über die 24 Stunden eines Tages unterlag einer ausgeprägten Variation (p < 0,001) und folgte einem kosinusartigen Verlauf. Eine weitere Unterteilung der Daten nach der Saison zeigte, dass die tageszeitliche Abhängigkeit der Gewaltdelikte zu allen Jahreszeiten ähnlichen kosinusartigen Verläufen folgte.
Die separate Durchführung der diskreten Fourier-Transformation für Werktage und das Wochenende offenbarte, dass sich die zirkadiane Gewaltratenverteilung an Werktagen durch eine Sinusfunktion mit 24-stündiger Periode abbilden ließ, während für das Wochenende die Addition zweier Schwingungen mit unterschiedlichen Perioden zu einer Abbildung der Gewaltratenverteilung führte.
Außerdem war die zirkadiane Rhythmik der Gewaltdeliktraten abhängig vom Alter der Täter (p < 0,001) und folgte innerhalb von Gebäuden einem anderen Verlauf als außerhalb von Gebäuden.
Praktische Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse belegen, dass Gewaltdeliktraten einer zirkadianen Rhythmik unterliegen. Diese Erkenntnis ermöglicht es, zum einen potentiell gewaltauslösende oder gewaltbegünstigende Faktoren aus einer weiteren Perspektive zu betrachten. Aber es ergibt sich auch die Möglichkeit der Vorhersage von Gewaltdelikthäufigkeiten, was für verschieden Professionen von unmittelbarer Bedeutung ist.





